Chapeau und auf ein Wiedersehen! – Stadtgesellschaft verabschiedet langjährigen Chefdirigenten der Norddeutschen Philharmonie Rostock Marcus Bosch

Abschiednehmen heißt es beim 10. Philharmonischen Konzert, dem letzten Konzert der Saison 2025/26 am 14., 15. und 16. Juni in der ehemaligen Werkhalle der Rostocker Neptunwerft: Chefdirigent Marcus Bosch verabschiedet sich als künstlerischer Leiter der Norddeutschen Philharmonie Rostock. „Glück und Schmerz“ hieß das Motto der Konzertsaison, das sicher auch die Gefühlswelt vieler Konzertliebhaber beschreibt. So waren die Konzerte unter dem Dirigat von Marcus Bosch ein großes Glück für die Klassikfans, die nun schmerzlich Abschied nehmen müssen. Musikalisch untermalt durch die 9. Sinfonie von Gustav Mahler, die voller Wehmut und Klagegesang in die Abgründe der menschlichen Seele blicken lässt. Den Kontrapunkt setzt zu Beginn des Abends das Konzert für Violine und Orchester E-Moll von Felix Mendelssohn Bartholdy. Die spanische Geigerin Leticia Moreno wird mit virtuosem Spiel dem Glücksgefühl höchsten Ausdruck verleihen. Glück und Schmerz liegen nicht nur an diesem Abend eng beieinander.

„Eine großartige musikalische Epoche geht in Rostock zu Ende“, betont Dr. Thomas Diestel, Rostocker Unternehmer und Vorsitzender der Philharmonischen Gesellschaft. Über ein Jahrzehnt habe Marcus Bosch mit seinen hohen Ansprüchen und seiner Kreativität „besondere musikalische Genusswelten“ geschaffen und zahlreiche Rostocker für die klassische Musik begeistert. Die Hansestadt habe sich glücklich schätzen können, so einen charismatischen Chefdirigenten und mehrfachen Echo-Preisträger an der Spitze seines Orchesters zu wissen. „Marcus Bosch und seinem Künstler-Netzwerk ist es zu verdanken, dass namhafte Solisten aus aller Welt den Weg in Rostocker Konzertsäle fanden“, unterstreicht Dr. Thomas Diestel. Renommierte Preisträger wie Sebastian Manz (Klarinette) und Fabio Martino (Klavier) rockten 2026 die Rostocker Klassikbühne. Unvergessen, so Dr. Thomas Diestel, seien auch die Konzerte des Orchesters in Prag, Berlin, Köln und Wien. Der Abschied von einem „großen Musiker und Freund“ falle ihm und den ca. 200 Mitgliedern der Philharmonischen Gesellschaft schwer. „Ohne Tränen wird es nicht gehen, aber wir hoffen auf ein Wiedersehen und vielleicht auf ein Eröffnungskonzert mit Marcus Bosch in der neuen Rostocker Spielstätte am Bussebart.“

Hans-Michael Westphal, langjähriger Musiker, Orchestervorstand und Orchesterdirektor, der mit Bosch eng zusammenarbeitete, resümiert: „Marcus Bosch war fünf Jahre Gastdirigent, drei Jahre Conductor in Residenz, fünf Jahre Chefdirigent in Rostock. Die ca. 200 Konzerte, Opernvorstellungen, Rundfunkmitschnitte und CD-Aufnahmen unter seinem Dirigat zeigen eine beeindruckende Bilanz und einen Glücksgriff für unsere Hanse- und Universitätsstadt.“

Ralph Reichel, Intendant des Volkstheaters erklärt: „Ich danke Herrn Bosch für die sehr erfolgreiche und intensive Zeit bei uns, für sein Wirken mit dem Orchester und dafür, dass er mit daran gearbeitet hat, das Theater in die Stadtgesellschaft zu öffnen.“

An den Beginn der Zusammenarbeit erinnert sich Klaus-Jürgen Strupp, IHK-Präsident und ehemaliger Gesellschafter und Geschäftsführer des Rostocker Audi-Autohauses: „Marcus Bosch ist kreativ, begeisterungsfähig und ein Mann von schnellen Entschlüssen. Er kam bei uns vorbei, klatschte in die Hand und meinte, der Klang ist perfekt.“ So wurde das Autohaus zum Konzertsaal. Für Strupp war das ein wichtiges Symbol: „Wirtschaft und Kultur wachsen in Rostock zusammen.“ Sechs Jahre erklang das „Mozart Plus“-Programm im Autohaus, erfreute Kunden und Mitarbeiter. Aber auch die Orchestermusiker hätten ihren Spaß gehabt und in den Pausen locker mit dem Publikum bei Häppchen und Sekt geplaudert, meint Strupp. Die besonderen Konzerte seien zugleich genutzt worden, um Spenden für gute Zwecke, u.a. für das Konservatorium, zu sammeln.

„Es war ein großes Abenteuer, als wir vor zehn Jahren die Reihe „Musik am Herd“ begannen“, erzählt Kunsthallenchef Dr. Uwe Neumann. Eine Kochshow im Kunstmuseum sei „irgendwie verrückt, aber auch genial gewesen“. Marcus Bosch legte am Sonntagvormittag den Dirigentenstab zur Seite und bereitete gemeinsam mit seinen Gästen ein Menü für das Publikum vor. Dabei entspann sich ein unterhaltsamer Sonntagstalk. Auch Rostocks Oberbürgermeister der zurückliegenden Jahre – Roland Methling, Claus-Ruhe Madsen und Eva-Maria Kröger – plauderten in der Kunsthalle. Nebenher spielten internationale Stars, die am Abend ihren Auftritt in Rostock hatten, sehr anspruchsvolle „Küchenmusik“. Die 70 Plätze im großen Saal der Kunsthalle waren stets ausgebucht. „Marcus Bosch hat als kulturvoller Mensch Rostock bereichert. Seine positive Energie und Ausstrahlung sowie sein Charme waren ansteckend“, betont Dr. Uwe Neumann. Selbst als Koch habe er überzeugt. Das Menü vom Schnippeln bis zum Servieren sei stets punktgenau fertiggestellt worden, schwärmt der Kunsthallenchef.

Sehr herzliche Worte findet auch Prof. Dr. Dr. Benjamin Lang, Rektor der Hochschule für Musik und Theater Rostock: „Ich danke dir, lieber Marcus, für die wunderbare Zusammenarbeit! Du hast regelmäßig am Sommercampus der hmt Rostock teilgenommen und in Kooperation mit den Festspielen MV die Norddeutsche Philharmonie geleitet. Gemeinsam mit der Hochschule hast du den Kompositions-Wettbewerb 3’33’’ ins Leben gerufen und in dessen Jury mitgewirkt.“ Alles unkompliziert und effektiv. Der besondere Einsatz für den Komponistennachwuchs werde in Rostock nicht vergessen, unterstreicht Prof. Lang.

Marcus Bosch hat Musik in den Zoo gebracht, betont Zoo-Direktorin Antje Angeli. Eine Sommernacht des Swings, musikalische Ausflüge nach Paris und nach Wien, im vergangenen Jahr wurde es „very british“, bevor er in diesem Sommer an den Broadway entführte. „Sechs Jahre lang dirigierte Marcus Bosch die stimmungsvolle Klassik Nacht im Zoo Rostock, die mittlerweile schon ihre 26. Auflage erlebte. Mit Leidenschaft, Charme und Esprit führte er jedes Jahr 3.000 Gäste durch das musikalische Universum.“ Das Erdmännchen-Konzert ist noch dazu eine besonders schöne neue Idee für Kinder und Junggebliebene.

Mit Marcus Bosch verabschiedet sich ein Dirigent, der das Orchester künstlerisch hörbar geprägt hat, würdigt Prof. Christian Plath von der Philharmonischen Gesellschaft. „Die Norddeutsche Philharmonie Rostock und das Rostocker Musikleben verdanken ihm eindrucksvolle Konzertabende, neue Impulse und eine Phase intensiver musikalischer Entwicklung.“ Von besonderer Bedeutung sei zudem das kongeniale Zusammenwirken mit der Philharmonischen Gesellschaft Rostock gewesen. „Der von Marcus Bosch initiierte Club 77 wurde zu einem wichtigen Kreis engagierter Unterstützerinnen und Unterstützer, der Projekte der Norddeutschen Philharmonie Rostock begleitet und ermöglicht hat.“

Oberbürgermeisterin Eva-Maria Kröger hat Marcus Bosch ebenfalls schätzen gelernt:
„Er hat in den vergangenen sechs Jahren die Norddeutsche Philharmonie Rostock mit großer künstlerischer Leidenschaft geprägt und im Musikleben unserer Stadt deutliche Spuren hinterlassen. Gemeinsam mit dem Ensemble hat er das Publikum immer wieder begeistert und musikalische Höhepunkte geschaffen, die weit über Rostock hinaus
Aufmerksamkeit gefunden haben.“ Gerade in der schwierigen Zeit der Pandemie sei sein Engagement ein wichtiges Zeichen von Zuversicht und kultureller Stärke gewesen. Umso schöner sei es, so die Oberbürgermeisterin, „dass nun auch die Perspektive eines neuen Theaters immer sichtbarer wird – ein Weg, den er mit begleitet und mitgeprägt hat.“

Für seinen künftigen Weg wünschen wir Marcus Bosch von Herzen alles Gute und hoffen sehr, dass er Rostock verbunden bleibt.

Laudatio zu Ehren von Marcus Bosch mit den einleitenden Worten „ Es ist uns eine besondere Ehre, eine außergewöhnliche Persönlichkeit zu würdigen, deren Wirken weit über das Gewöhnliche hinausgeht.“

Sehr geehrte Musikfreunde,
liebe Orchestermitglieder,
lieber Marcus Bosch,

Abschiede in der Musikwelt sind Momente des Rückblicks, aber auch des Bewusstseins für das, was bleibt.

Seit 2013 war Marcus Bosch Gastdirigent der Norddeutschen Philharmonie. Nach 2 Saisons als „Conductor in Residence“ wurde er ab Saison 2020/21 Chefdirigent.

Und das waren stürmischen Zeiten. Inmitten einer globalen Corona-Pandemie übernahm er – wie ein Kapitän in rauer See – die Verantwortung. Mit kreativen digitalen Formaten – ich erinnere mich an die „Corona Klangwolke“ gemeinsam mit dem NDR – und Juni 2020 an unsere Maskenverhüllte Livesendung von „Klassik auf Wunsch“.

Als andere Orchester verstummten und sich manch ein Dirigent und Intendant grinsend in die Toscana verzog, suchte Marcus Bosch Wege, die Musik und die Verbindung zwischen dem Orchester und den Menschen in Rostock am Leben zu erhalten. Er war in dieser Zeit nicht nur ein Dirigent, sondern ein Krisenmanager mit Taktstock.

In den Jahren seiner Leitung hat die Norddeutsche Philharmonie an Kontur und Strahlkraft gewonnen. Marcus Bosch hat das Orchester gefordert und gefördert. Mit den Aufführungen großer Sinfonik von Bruckner bis Mahler – hat er den guten Ruf des Orchesters weit gestreut. Beleg sind die Einladungen des Orchesters zu Gastspielen.

Marcus Bosch war ein Botschafter weit über die Hanse-stadt hinaus für das Orchester und das Volkstheater und für die Stadt Rostock.

Denn Marcus Bosch weiß: Ein Orchester, ein Theater darf sich heute nicht mehr nur selbst genügen. Es muss Qualität bieten und darauf aufmerksam machen. Wie wenn früher der Circus kam und die Artisten mit einem Elefanten durch Stadt ritten.

Marcus Bosch ist ein Dirigent, der sich nicht im sprichwört-lichen „Elfenbeinturm“ der Hochkultur einrichtet oder gar selbst in eitler Pose erstarrt: Er versteht Musik als ein lebendiges Medium, das Menschen miteinander verbindet.

Ihn motiviert seine Liebe zur Musik und sein Respekt vor Komponisten und vor seinen Musikern. Und er befähigt „umzusetzen“- auch mit Konflikten und gegen Widerstände: Er ist ein Macher, ein Inspirator, eine sprudelnder Ideen-Quell.

Marcus Bosch hat die Philharmonie im Bewusstsein der Rostocker Bürger weiter und tiefer verankert. Nicht nur mit Großprojekte, mit Mahler, Strauss, Brucker oder dem Fokus Sergeij Prokofjew: Auch das Festival „Rostock brahmst“ wird in Erinnerung bleiben, oder die Crossover-Formate im Klub Moya („Klassik im Club“), die Philharmonischen Lounges, die Konzerte im Autohaus, im Zoo, die zahlreichen Open-Air-Konzerte oder die mit der NDR Bigband, „Am Herd“ in Kunsthalle, natürlich auch mit seinen Opernproduktionen: La Traviata, Carmen, Tosca und und und und und und und!

Aber als Dirigent und Orchesterchef wird man nicht geboren. Marcus Bosch ist – wie viele große Dirigenten – den sog. „Ochsenweg“ gegangen.

Den wollen viele „Jungstars“ so gerne überspringen und setzen lieber auf Networking und Social Media, als auf das Sammeln von Wissen, Erkenntnis und Erfahrung setzen. Marcus Bosch war Kapellmeister in Wiesbaden, Halle und Saarbrücken, Chefdirigent in Graubünden, GMD in Aachen und Nürnberg, bevor er hier nach Rostock gekommen ist. Diese langjährigen Erfahrungen des klassischen Wegs aufs Podium sind ein großes, bedeutendes Kapital.

Aber nicht nur in Rostock konnte er seine Ideen Visionen umsetzen, auch bei den Opernfestspielen seiner Heimatstadt Heidenheim.

Der 1. FC Heidenheim spielt in der neuen Saison in der 2. Liga. Die Opernfestspiele hingegen hat Marcus Bosch in die „Champions League“ gebracht – ausgezeichnet mit vielen Preise u.a. dem „Best Festival 2025“. Mit der von ihm gegründeten „CAPPELLA AQUI-LEIA“ sind Aufnahmen entstanden, die für Furore gesorgt haben und ebenfalls mit Preisen ausgezeichnet wurde.

Und als auch Gastdirigent ist Marcus Bosch weltweit hochgeschätzt. Gerade hat er in Pekings bedeutendstem Opernhaus NCAP Wagners „Siegfried“ geleitet. Und nebenbei ist er seit 2012 Vorsitzender der GMD und ChefdirigentInnen-Konferenz.

Als wäre das alles nicht genug, brennt er dafür, sein Wissen und Können als Professor einer erfolg-reichen Dirigierklasse an der Hochschule für Musik und Theater München weiterzugeben. Er unterrichtet da nicht nur Schlagtechnik: Er formt Persönlich-keiten. Er zeigt jungen Studierenden, wie man zuhört, wie man führt und Verantwortung für ein Orchester-Kollektiv übernimmt. Ein Orchester zu leiten ist eine große soziale Herausforderung – bleibt ein Dirigent OHNE Orchester doch seltsam stumm!

Schon Sir Thomas Beecham soll vor einer Aufführung das Orchester gefragt haben:

„Soll ich heute zu schnell oder soll ich heute zu langsam dirigieren“ – Orchester sind weitaus selbstbewusster und konfliktbereiter als in früheren Zeiten. Ein Maestro muss heute viel mehr sein, als ein strenger Taktschläger. Vielmehr: Kommunikator, Manager, Talent- und Repertoire-Entdecker, Coach, Schirmherr, Teamplayer, Ideen-Reaktor – seltene Gaben. Marcus Bosch besitzt sie in hohem Maße.

Wir blicken dankbar auf ca. 200 Konzerte, Opernvor-stellungen, Rundfunkübertragungen, Mitschnitte und CD-Aufnahmen. Es ist nicht übertrieben zu sagen: Marcus Bosch war ein Glücksgriff für Rostock.

Lieber Marcus, du ziehst nun weiter. Wir danken dir für Deine Energie, Deine Visionen, Deinen Fleiß – und für diese unzähligen musikalischen Sternstunden.

Für Deinen weiteren Weg wünschen wir Dir Kraft und Gesundheit und Glück – und Menschen, die Dich auch in schwierigen Zeiten unterstützen. Wir können sagen – es lohnt sich.

Und: Es bleibt zu hoffen, dass dieses Orchester wieder einen Chef Deines Formats finden wird und somit das erreichte Niveau halten und sich weiterentwickeln kann. Danke, Marcus Bosch!