Generationen an Komponisten haben das reiche musikalische Erbe Wiens geprägt. Wien ist die Hauptstadt des Walzers, der Operette und des Wiener Liedes. Allein diese drei Genres vereinen jeweils eine ganze Welt in sich. Millionen von Menschen rund um den Erdball lassen sich noch heute vom Wiener Musikleben verzaubern.
Die Wege der drei Komponisten, die beim 5. Philharmonischen Konzert der Norddeutschen Philharmonie Rostock im Mittelpunkt stehen, laufen in Wien zusammen. Chefdirigent Marcus Bosch hat für das Januarkonzert besondere musikalische Schätze ausgesucht.
Den Auftakt bilden die „Ungarischen Tänze“ des in Hamburg geborenen Johannes Brahms (1833-1897). Die 21 Tänze, die in den Jahren 1858 bis 1869 für vierhändige Klavierfassung entstanden, sind überwiegend Bearbeitungen vorhandener Melodien. Das orchestrale Arrangement für die Tänze Nr. 1, 3 und 10, das Brahms 1873 schrieb, wurde am 5. Februar 1874 unter der Leitung des Komponisten in Leipzig uraufgeführt. Es gehört noch heute zu den beliebtesten Werken des Norddeutschen: feurig, volkstümlich, virtuos.
Johannes Brahms kam 1862 erstmals nach Wien und gab ein Klavierkonzert. 1863 bis 1864 fungierte er als Chormeister der Wiener Singakademie. Am 1. Dezember 1867 fand die Uraufführung von drei Sätzen seines Deutschen Requiems im Musikverein statt. Hier sollten in den kommenden Jahren viele seiner heute bekanntesten Werke uraufgeführt werden. Ab 1871 ließ er sich endgültig in der österreichischen Musikmetropole nieder.
In Wien begegnete Brahms auch dem aus Kiel stammenden Komponisten Hermann Grädener (1844-1929), der ab 1864 Violinist am Hoforchester war, viele Jahre am Konservatorium und später an der Wiener Universität Musiktheorie unterrichtete. Grädener gehörte bald zum Freundeskreis von Brahms und schrieb u.a. zwei Opern, zwei Sinfonien, Violin- und Cellokonzerte sowie ein Klavierkonzert. Im Großen Haus Rostock wird das Konzert für Klavier und Orchester d-Moll op. 20 von Hermann Grädener zu hören sein. Das Werk, geschrieben in den 1880er Jahren, zählt zu den musikalischen Entdeckungen des Pianisten Oliver Triendl (geb. 1970), der sich als engagierter Fürsprecher für selten gespielte Komponisten einen Namen erworben hat. Sein unermüdlicher Einsatz – vornehmlich für romantische und zeitgenössische Musik – spiegelt sich in mehr als 150 CD-Einspielungen. Oliver Triendl, Preisträger nationaler und internationaler Wettbewerbe, konzertiert erfolgreich auf Festivals und mit zahlreichen renommierten Orchestern weltweit. Der Rostocker Chefdirigent Marcus Bosch unterstützt sehr gern das Anliegen, weniger bekannte Werke vorzustellen. Wie Triendl sucht er nach „Trüffeln“, um seinem Publikum den großen Reichtum der klassischen Musik zu zeigen.
Auch die „Hymnische Sinfonie“ der hochbegabten und von Zeitgenossen bewunderten Bruckner-Schülerin Mathilde Kralik von Meyrswalden (1857-1944) gilt als besondere Rarität. Die Tochter eines böhmischen Glasindustriellen kam zur Ausbildung nach Wien und absolvierte ihre Kurse mit Auszeichnung. Ihrer Kompositionsklasse gehörten auch Gustav Mahler, Hans Rott, Rudolf Krzyzanowski und Katharina Haus an. Wie Mahler schloss sie mit einem 1. Preis ab. Mathilde Kralik schrieb u.a. Klavierwerke, eine Weihnachtskantate für Chor und Orchester und die dreiaktige Märchenoper „Blume und Weißblume“. Wie viele ihrer Kolleginnen hatte es Kralik in ihrer Zeit schwer, in der männerdominierten Musikwelt Beachtung zu finden. Sie war im Vereinswesen aktiv, im Damenchorverein, in der Bachgemeinde und im Klub der Wiener Musikerinnen.
Den Finalsatz der „Hymnischen Sinfonie“ wird in Rostock die belgische Sopranistin Tineke Van Ingelgem übernehmen. Ihr großartiges schauspielerisches Talent und ihre Bühnenausstrahlung, kombiniert mit einer hellen und kräftigen Stimme, wird die Rostocker Zuhörer sicherlich begeistern.
Vom 5. Philharmonischen Konzert anno 2026 wird eine CD produziert, unterstützt vom Club 77 der Philharmonischen Gesellschaft Rostock e.V..
ANETTE PRÖBER